DVD „Der Geist der Biker”
Die abenteuerliche Reise eines Dresdner Motorradclubs durch das Herz Russlands. Ein Film über den universellen Geist der Biker.
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Sammler-Edition im hochwertigen Digipak · 63 Minuten + 40 Minuten Bonusmaterial · Kommentartrack des Filmemachers · in Deutsch, Russisch und Englisch
DVD Motorradfilm
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104 min · 5.1 Sound in deutsch und englisch · Kommentarspur · PAL

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Buch „Route 66”
Drei Jungs auf einem Road Trip durch die Klischees der amerikanischen Kultur – in einem 74er Cadillac V8. 4000 Meilen durch Klein- und Großstädte, Wüsten und Canyons, über Pisten und Interstates.
Das Buch zum Film. 108 Seiten
» Sobald du Grün siehst, stemmst du das Gaspedal in den Filzteppich, die Reifen pfeifen kurz, krallen sich in den Belag, dann drückt es dich in den weichen Sitz, das Handschuhfach fliegt auf, der Motor schreit dich an und deine Gegner verschwinden in einer Wolke aus Benzin, Öl und verdampfendem Gummi. Den acht Litern Hubraum ist kein Japaner gewachsen. «
DVD Route 66
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Familienfest

Aus meiner Tourenfahrer-Glosse:

Von Freefightern, Schweinemördern und Indianern

Bleiben wir gleich bei den Outlaws, aber diesmal in Jüterbog, bei Berlin - an einem Nachmittag, im Sommer 2012. Ich stand neben einer Crossstrecke, über die sich ein verirrter Harleyfahrer, den sie Sheriff nannten, auf einer historischen 380 Kilo-Maschine der texanischen Polizei durch den Tiefsand wühlte. Rechts von mir parkten ein Dutzen schwarze Chopper und eine Flagge des Deutschen Reichs hing schlaff herum. Zehn Meter weiter war “Die Kinder Jesu” zu lesen, in riesigen Buchstaben, auf einem Partyzelt. Ein alter Biker kam vorbeigelaufen, mit langem Bart und Weste, Zuckerwatte essend, dann lachte er, als er mich in Mickey Maus Unterhosen auf dem Hügel stehen sah. Mir war noch etwas schwindelig, ich kam gerade erst aus dem Zelt gekrochen und nun schoss direkt vor mir der Harley-Crosser aus der Sandgrube, mit seiner zweieinhalb Meter langen Police Electra Glide, gefolgt von fünf, sechs Bikern, die ihn da rausgestoßen hatten. An seinem Lenker hing ein riesiger Beutel, aus dem die Schnautze eines Tierkopfs ragte. “Komm rüber, Junge”, rief einer der Biker, während der Sheriff die Electra Glide abstellte und ich meine Hose anzog. “Es gibt Schwein!”

Einen halben Kilometer weiter stand eine große, teure Bühne, auf der ein langhaariger, kleiner Mann am Mikro um Fassung rang. “Wir haben...”, er kämpfte offensichtlich mit den Tränen. “Sorry”, er deutete an, dass er kurz Pause machen musste und verschwand hinter der Bühne. Mehrere hundert Chopper-Fahrer applaudierten ihm. Ein Film über einen verstorbenen Gefährten war gerade zu sehen gewesen.
Vor der Bühne wurde nun ein Ring aufgebaut, ein Freefight-Wettkampf sollte hier gleich beginnen. “Schreihals”, der langhaarigen Moderator, hatte sich inzwischen ausgeheuelt und stand jetzt wieder auf der Bühne. Beziehungsweise war er zum Ring gekommen und begrüßte die Zuschauer: “Hejjjjj ihr Mäuse! Yeaaaaah”, was sein Markenspruch war. “Komm her mein Kleener”, rief er dem nächsten Freefighter zu, der zum Bestimmen des offiziellen Wettkampfgewichts auf die Bühne kommen sollte.
“Gonzo” war der Spitzname des Freefight-Trainers, der den Wettkampf organisiert hatte und die Kämpfer alle kannte. Der Kerl war ein echter Sportsmann, voller Respekt vor seinen Schülern und dem Kampf, mit viel Liebe bei der Sache. Auch er verbreitete keinerlei Haudrauf-Atmosphäre, im Gegenteil. Das ganze blieb von Anfang bis Ende professionell und zivilisiert.
“Scheiße”, sagte ich zum Sheriff, der inzwischen neben mir stand. “Fast wäre ich ein Opfer des selben erbärmlichen Schmalspurdenkens geworden, das ich den Anderen immer vorwerfe: Um ein Haar wäre ich gar nicht erst zum Jamboree gekommen, weil im Programm von Freefight und Stripshow die Rede war.” Ich dachte das alles wäre der unfreiwillig komische Scheiß, den ich von Provinzfesten kannte. Dabei hatte ich inzwischen eigentlich meine eigene Perspektive auf diese Subkultur, und nicht mehr die der Boulevardpresse. Dieses Treffen hier, zum Beispiel, war eigentlich ein nettes Familienfest. Dazu passte auch, was der Sheriff vorhin sagte, als wir alle mit einem zerfetzten Stück Schwein vorm Gesicht beisammen saßen. “Toll ist das”, sagte er. “Vor 10 Minuten kannten wir uns noch nicht, und jetzt sitzen wir hier, als ob wir eine Familie wären.” Auch die Luft war mild und die Sonne schien, gegenüber spielte ein kleines Mädchen Gitarre, ihr Vater sammelte Geld für sie ein und überall schwatzten Leute und lachten. Es war in der Tat sehr idyllisch, aber erst auf den zweiten Blick. Das galt auch für den Freefight. Im Ring standen sechs schüchterne und besonnene Jungs und zwei entschlossene Frauen. Noch vor die Kämpfe begannen hatten alle mindestens einmal gelacht, dort oben, dank des Moderators und auch dank der Atmosphäre auf dem Gelände.

Fünf Stunden später war der Ring verschwunden und der Platz war mit Menschen gefüllt. Ein halbseitig tätovierter Stumpen tobte auf der Bühne mit dem Mikro herum - Knorkator, der Main Act, waren an der Reihe und sangen gerade von ihrer eigenen Scheiße. Was mich etwas irritierte, weil wir vor den Dixi-Klos standen und der Vodka zu wirken anfing. Eine harleyfahrende Religionslehrerin hatte mich mit dem Zeug abgefüllt, während ich sie unablässig mit Nietzsche-Zitaten attackierte.
Und dann war das verdammte Konzert schon zu Ende. Aber nicht der Abend. Über unseren Köpfen schwebte jetzt roter Nebel in dem ein bärtiger Biker als Hologramm erschien. Das muss man weit in der Ferne gesehen haben, wir waren hier mitten in der Pampa, das Festival war die größte Lichtquelle weit und breit. Born to be Wild MC, diese Jungs können feiern, dachte ich gerade, dann fing das Hologram zu reden an und erzählte eine Geschichte, die mir seltsam vertraut vorkam:

“...der Wind peitschte ihr Gesicht, manchmal, oder die Sonne brannte im Nacken. Indianer, so nannte man sie. Aber es gab in diesem weiten Land Amerika auch eine andere Welt, die neue Welt, hieß es, mit einer Regierung, mit Gesetzen, mit einer Moral, die nichts mit den Indianern zu schaffen hatte. Bald war die Freiheit der Indianer beschnitten. Sie wurden geächtet und gnadenlos verfolgt. In Reservate gezwängt. Ihre freie Art zu Leben, Denken und Fühlen für immer zerstört. Mehr als 100 Jahre später - heute - triffst du Menschen, deren Sinn danach ist, mit der Natur zu leben, in der Natur zu bestehen. Sie durchstreifen ihre Heimat, ein wundervolles Land, mit Bergen und Weiten, und fühlen sich verdammt frei. Der Wind peitscht ihr Gesicht, manchmal, oder die Sonne brennt im Nacken. Biker, so nennt man sie. Mit der freien Art zu Leben, dem Denken und Fühlen der Biker können nur die Wenigsten etwas anfangen. Was kann eine Regierung für sie tun? Wer bestimmt die Moral in dieser Welt? Die Freiheit der Biker soll beschnitten werden. Sie werden verfolgt, angezeigt, geächtet. Werden Reservate für sie errichtet? Die freie Art zu Leben, das Denken und Fühlen der Biker, darf nicht für immer zerstört werden!”
Was ein ziemlich pathetischer Text ist, der aber funktionieren kann, nämlich wenn man unter ein paar tausend freiheitsliebenden Gefährten auf einem Feld steht und die Geschichte von einem 100 Meter großem Gesicht im Sternenhimmel erzählt wird, während in der Ferne schwere Motoren das Grollen in Richtung Hauptstadt in die Sommernacht hinausschmettern.

Klimawandel?

Aus meiner Tourenfahrer-Glosse:

Wenn die höhere Gewalt wütet, müssen wir uns selber helfen.

Es gibt Jahre mit widerlichem Wetter. Und es gibt die Jahre zwischen den Klimaepochen, in denen die Sonneninseln absaufen und 8x8-MAN-Rallye-KATs mit 2 Metern Wattiefe ihre fünfzehntausend-Euro-Seilwinden bemühen müssen, um auf der A3 von der Stelle zu kommen. So ähnlich erging es mir auch, als ich sechs Tage lang mit meiner KTM auf Sardinien herumgurkte, auf der Suche nach einer Wolkenlücke. 360 Sonnentage hatte mir irgendjemand versprochen und in einer schwachen Minute hatte ich es geglaubt. Bis es mir auf dem Weg nach Olbia im Dauerregen wieder einfiel: Ein durchschnittliches Wetterversprechen ist schon seit mindestens 10 Jahren auch nicht mehr wert, als ein beliebiges Wahlversprechen. Aber es gibt auch heimliche Gewinner, zwei Jahrhunderthochwasser in zehn Jahren sind vielleicht schlechte Zeiten für Hausbesitzer, aber nicht für Klimawandeloppurtunisten. Das wollte mir jedenfalls ein Endurofahrer auf einer schlammigen Piste im Nordosten Sardiniens klar machen. Der Mann war alleine seit zwei Wochen per Roadbook auf der Insel unterwegs, praktisch autark. Ersatzteile hatte er auch dabei, unter anderem einen Satz MCE 6 Days Extreme. Ich war schon mindestens zehn mal, im zweiten und dritten Gang, auf dem lehmigen Schlamm zu Boden gegangen, als er im Pinienwald von hinten mit einer 450er angefahren kam. Zwei, drei Minuten fuhr er hinter mir her, dann hielt er an, als ich das nächste Mal stürzte.

»Schlägt sich wacker, die alte Adventure!«, sagte er beeindruckt.
»Oh ja! Ich staune auch«, keuchte ich und hob die Karre wieder auf. Ich war natürlich außer Atem. Die letzten 10 Kilometer waren Schwerstarbeit. Meine Reifen griffen nicht auf dem schlammigen Waldweg. Ich fuhr praktisch auf Slicks.
»Aber so wirst du nicht ankommen, nicht mit diesen Reifen! Wo willst du hin?«
»Nach Olbia. Meine Fähre geht in sechs Stunden.«
Ich kam gerade von der Autobahn - der praktisch einzigen Autobahn der Insel und selbst dort stand das Wasser 50 cm hoch und stieg noch. Unter normalen Umständen hätte ich meine Fähre vier Stunden vor Abfahrt erreicht, an diesem Tag war nicht mal sicher, ob ich überhaupt bis zur Küste kommen würde. Als die Autobahn unpassierbar wurde, bog ich auf einen Waldweg ab, wo ich nun mit dem Endurofahrer stand.
»Auf die Fähre will ich auch«, sagte er, »Und die Autobahn ist unbefahrbar?«
»Von dort komme ich gerade.«
Er nickte, klappte einen zweibeinigen Seitenständer aus und setzte den Helm ab, »Dann gibt es nur eine Möglichkeit: Wir ziehen dir meine Reifen drauf.« Damit hatte er natürlich recht. Und während er meine Reifen wechselte, kamen wir erst mal aufs Wetter zu sprechen.
»Na klar«, sagte er, »Es ist Hochkonjunktur für Klimawandelopportunisten. Da ist immer noch ein Haufen Geld zu machen. Windkraft ist natürlich vorbei, Solar auch, aber das nächste Gesetzt ist schon in der Mache und wenn du früh genug an Bord gehst, kannst du immer noch mitfeiern und Steuergelder für unsinnige Technologien rausschleudern. Ein paar Jahre noch, bis der Kahn gegen den Eisberg knallt, weil wir keine Kohle mehr haben, wenn die Kilowattstunde einen Euro kostet.«
Ich lachte verlegen, »Soll mir auch recht sein, dass ich hier im Wald noch mein CO2 rausblasen darf. Anstatt auf der Autobahn zu stehen, bis zum Hals im Wasser.«
»Das ist eine Art, mit dem Thema fertig zu werden: als Zyniker. Aber das ist gar nicht notwendig. Du kannst guten Gewissens einen Verbrennungsmotor fahren! Die Welttemperatur wird dadurch nicht steigen.« Er reichte mir das fertige Hinterrad und ich begann zu pumpen. »Doch keine Erderwärmung?«, wollte ich wissen. »Hast du denn nichts von Climategate mitbekommen? Das war der größte Wissenschaftsskandal unserer Zeit. Es ging los mit ein paar durchgesickerten Professoren-E-Mails. Und zwar von den Forschern, die seit Jahren einflussreicher vor dem Klimawandel gewarnt haben, als alle anderen Akademiker. Mails von der Elite der selbsternannten Klimaschützer. Plötzlich wurde ganz schnell klar, worum es den Leuten wirklich ging. Es ging natürlich nicht um ehrliche Forschung. Es ging ihnen darum ihre Position zu stärken. Die alten Herren waren inzwischen schließlich wer, in der Klimawandelszene. Also mailten sie sich Tipps, wie sie die Daten am besten manipulieren und geheimhalten können, um nur die gewünschten Ergebnisse zu erhalten. Bis hin zum Löschen von großen Bereichen unerwünscher Messwerte.«
»Wow«, sagte ich, hob das Rad an und schob die Bremsscheibe zwischen die Beläge, »ist das nicht illegal? Haben sie die dann nicht dran gekriegt?«
»Natürlich nicht. Es sind immer noch die selben Leute. Und es werden nach wie vor überall Milliarden von Steuergeldern in den Wind geschleudert. In hahnebüchenem Aktionismus.«
»Aber es gibt Hoffnung«, sagte ich und schaute in den Himmel. Der Regen hatte aufgehört. »In der Schweiz zum Beispiel. Dort wurden die Abgaskontrollbestimmungen für Motorfahrzeuge gerade gelockert. Und Motorräder müssen sowieso nicht zur AU.« »Ah! Na also«, sagte er, »Und in der Zwischenzeit müssen wir uns eben selbst kümmern«, er packte sein Werkzeug weg.
Mit den Stollenreifen war der Schlamm kein Problem mehr, wir erreichten rechtzeitig den Hafen. Drei Stunden später stand ich mit meinem neuen Kumpel auf dem Fährdeck und wir fuhren in den wolkenlosen Sonnenuntergang.

Altersgerechtes Fahren

Aus meiner Tourenfahrer-Glosse:

Vernebelte Erinnerungen an irre Fahrten


Es passiert nicht oft, dass man die Zeichen der Zeit erkennt, aber manchmal lässt sich der Stand der Dinge nicht mehr leugnen und dann hilft nur noch viel Phantasie. So ging es mir jedenfalls, vor drei Wochen, an einem schäbigen Samstagabend an der Adria. Wir machten uns gerade auf zum Festivalgelände des größten italienischen Motorradtreffens. Mein Kumpel hatte sich in der Ferienwohnung schick gemacht, was schon doppelt unpassend war, aber es wurde noch absurder: wir gingen zu Fuß. Zweitausend Kilometer auf einer Chopper ohne Federung waren einfach nicht in Frage gekommen, auch nicht um zwei Tage lang an der Strandpromenade herumzufahren. Mein Kumpel wollte also von Anfang an nicht mit dem Bike fahren und als dann auch noch der Benzinschlauch meiner KTM beim Verladen aufriss, schoben wir die Kisten prompt wieder vom Hänger und fuhren ohne Bikes auf die Autobahn.
»Super«, versuchte ich uns einzureden, als wir endlich auf der A4 waren, »wir fahren jetzt 180 durch, sind also doppelt so schnell da!«
Doppelt so schnell nützte nicht viel, denn als wir da waren, als Fußgänger auf einem Bikertreffen, brach die große Depression aus.
»Was ist denn das?«, schrie ich meinen Kumpel an, als wir aus der dunklen Nebenstraße in das Scheinwerferlicht des Parkplatz vor dem Haupteingang traten. Ich zeigte auf seine Schläfe. »Ein graues Haar!«
In der Tat. Frisch geduscht, mit sauberen Klamotten und kein bischen erschöpft standen wir vor dem Eingang zum Biker Fest. Unsere Moppeds parkten daheim in der Tiefgarage. Noch deutlicher konnte es nicht werden.
»Ja, Mann, wir werden alt«, murmelte mein Kumpel, lief ein paar Meter schweigend, blieb dann kurz vor dem Einlaß stehen und trank unsere Literflasche Vodka Energy aus. Dann begann er mit dem Geständnis: »Ich will meine Maschine verkaufen.«
Ich starrte ihn an.
»Die ist jetzt 15 Jahre alt«, sagte er.
»Ich weiß. Und 5 Jahre davon haben wir zusammen dran geschraubt«, jammerte ich.
Er reagierte nicht. Scheinbar hörte er mich gar nicht mehr.
»Und inzwischen bin ich auch nicht böse, wenn es was Bequemes ist!«, fuhr er fort, ging ein paar Schritte zur Seite und blieb vor einer Sportster stehen, »die Fourty-Eight zum Beispiel.«
Ich wollte gerade protestieren, da rollte mir eine monströse 300-Kilo Cruiser fast über den Fuß. Eine F6C mit einigen, wenigen Umbauten - und zu meinem Erstaunen erschien mir nichts an diesem Vehikel lächerlich. Ich schaute der Honda lange hinterher, dann liefen wir schweigend den Parkplatz entlang und betrachteten jede einzelne Maschine, von einer nagelneuen Ducati 1199 Panigale R bis zu einem Bopperumbau einer alten 650er Honda Dominator. Wir hatten uns natürlich längst jeder auf seinen Biketyp festgelegt, aber es ließ sich trotzdem ziemlich genau abschätzen, wie sich die anderen Bikes anfühlen würden, wenn man Platz nimmt und nach den Lenkerenden greift.
Den Motor starten und das Standgas etwas hochdrehen. Nicht zu weit, ist ja noch kalt, aber soweit, dass man ahnen kann, wie er klingen wird. Nach Fauchen zum Beispiel, oder Kreischen oder Grollen. Zeit zum Schwatzen, bis der Motor warm ist, dann den Gang einlegen und behutsam auf die Hauptstraße rollen, immer heftiger beschleunigen und zwei, drei Gänge hochschalten. Wie ist der Motor? Ist er drehfreudig oder wuchtig? Will er Drehzahl? Drückt er von unten? Dann naht der Kreisverkehr, Zeit abzubremsen, erst mal ohne Kupplung, dann heftiger, kommt ein Druckpunkt? Stempelt das Hinterrad? Bricht das Heck aus? Nein? Immer noch nicht? Antihoppingkupplung? Wie war eigentlich der Lastwechsel? Wie war der Winddruck? Wie ist die Sitzhaltung? Teste ich auf der Rückfahrt!
Rein in den Kreisel - wo liegt der Schwerpunkt? Wohin will das Vorderrad? Nehm ich die Ausfahrt oder will ich zwei Runden fahren? Wie schräg fühlt es sich an? Muss ich drücken, muss ich ziehen, kann ich bremsen? Und jetzt: wie ist der Lastwechsel?
Dann raus aus dem Kreisel, in Richtung Parkplatz, im zweiten Gang. Gehen die Ellenbogen nach oben? Lust auf Wheelie? Oder will ich die Beine strecken und cruisen?
Alles das ging mir durch den Kopf während ich die Bikes am Parkplatz passierte.
»Es stimmt«, sagte ich schließlich erleichtert, »Du hast recht. Nach 20 Jahren Moppedfahren wissen wir jetzt endlich Bescheid. Man muss die Bikes nur noch ansehen, um zu wissen, wie sie fahren. Scheiße, ich glaube wir sind erwachsen.«
»Halt die Fresse«, motzte mein Kumpel, aber sein Grinsen war mild geworden.
»Das Altern war nie unser Problem«, fuhr ich fort, »es gibt für jede Phase das passende Bike. Das Problem sind unsere Motorräder zu Hause! Wir sind aus unseren Bikes rausgewachsen.«
»Nächstes Jahr«, sagte er und deutete auf die Sportster. »Nächstes Jahr kauf ich mir eine Maschine die zu meinem Rücken passt.« Er beugte sich und drückte auf einen Wirbel. »Und dann fahren wir auch wieder mit den Bikes auf die Feste!«

Der Kaktus und das Lügenmärchen

Aus meiner Tourenfahrer-Glosse:

Che Guevara enttarnt während eines alten Andenbrauchs...

Es kann ewig dauern, bis wir wieder online sind«, sagte Olga, »Lass uns das Fleisch essen!« Vor uns lag ein geschälter Kaktus – wir konnten das Fleisch oder den Kern essen. Eines von beiden war giftig und schmeckte ekelig, das andere war nur ekelig. Wir wollten das Gift. Es war nicht herauszufinden, welcher der giftige Teil war, weil das Internet in unserem Viertel down war. Wir saßen in einem Hotel in Bolivien. Außer mir und Olga hatten sich alle Reisenden dezent aus der Hotelküche zurückgezogen und ihre Zimmertüren mit schweren Möbeln verbarrikadiert. Alles, was von unserem großangelegten, ethnobotanischen Experiment übrig geblieben war, war ein fetter Beutel schleimige, grüne Masse, eine furchtlose Hardcore-Autonome mit Che Guevara-Shirt und ich. Und mein Freund, der Dortmunder, der noch ein letztes Mal in die Küche kam. »Hört zu, ich bin zu alt für diesen Wahnsinn, aber ich gebe euch einen Rat.« Dann holte er seinen Motorrad-Schlüssel raus und drückte ihn mir in die Hand. »Nehmt das und fahrt an den Stadtrand. Wenn das Zeug wirkt, dann wollt ihr nicht in einer stinkenden Großstadt hocken.«
Als wir das Mopped aus dem Hotel schoben und uns der Dortmunder verabschiedete, schaltete sich die Außenbeleuchtung des Hauses ein. »Melchor Jimenez 818 – Hostal Cactus«. »Wer war eigentlich dieser Melchor Jimenez?«, schrie Olga und zeigte auf das Leuchtschild, während ich die Suzuki ankickte. »Ein Revolutionär!«, rief der Dortmunder, der Motor sprang an und wir preschten ins Verkehrschaos davon.
Der Verkehr ließ nach, als wir an den Stadtrand kamen, dafür wurde es dunkel und die reudigen Straßenköter kamen wie Hyänen aus ihren Löchern gesprungen, bereit, alles anzufallen, was sich bewegte. Olga hatte eine Machete gezogen, die an der Seite des Moppeds genau dafür in einer Halterung gesteckt hatte. Ein paar Minuten lang konnte ich den Bestien ausweichen, dann würgte ich an einer Kreuzung auf einer Hangstraße den kleinen Einzylinder ab. »Kacke!«, schrie ich und fand auch gleich einen Schuldigen, »Die Höhenluft!« Wir waren tatsächlich fast viertausend Meter über Null. Die Kreuzung war unbeleuchtet, das ganze Viertel hatte keinen Strom. Aber der Mond schien und das reichte um die Konturen des Hundes zu erkennen, der auf der anderen Seite der Kreuzung hin und her schlich, um uns bei der ersten Unaufmerksamkeit anzufallen. Olga war abgestiegen und ich hatte mindestens drei Minuten damit verbracht wie ein Berserker auf dem Kickstarter herumzuspringen. Dann war die Karre hoffnungslos abgesoffen und ich kriegte auch keine Luft mehr. Als ich den Helm absetzte hörte ich das Knurren des Köters. »Alles unter Kontrolle!«, rief Olga, die mit der Machete zwischen mir und dem wütendem Vieh stand, »Mach was du machen must!«

Ich begann die Zündkerze trockenzulegen. Das war jedenfalls mein Plan und bei allen anderen Zweitaktern wären es fünf Handgriffe gewesen, aber nicht in diesem Fall. Das Mopped war eine Suzuki TS-185 aus den 80ern. Aus dem Kopf des einen Zylinders ragten zwei Zündkerzen und nur auf einer der Kerzen steckte ein Kabel. Damit war ich einigermaßen überfordert. Erst dachte ich über merkwürdige Doppelzündsysteme nach und suchte nach einem herumbaumelnden Kerzenstecker. Dann versuchte ich mir einzureden, dass sich in dem Zylindergehäuse eigentlich zwei Zylinder verbergen würden und man ja auch prima mit nur einem Topf weiterfahren könnte. Aber die Suzuki war tatsächlich eine Einzylinder und die zweite Kerze war eine Ersatzkerze, falls die erste mal ausfallen sollte. An einem Berghang im bolivianischen Slum, zum Beispiel, wo man dann nur schnell den Kerzenstecker umstecken müsste, bevor einen die tollwütigen Köter zerfleischen. Als ich das endlich begriffen hatte, hörte ich es schon Krachen und ein jämmerlicher Laut ertönte. Olga hatte das Biest einen halben Meter neben mir mit der Machete erlegt. Ohne Vorwarnung kam es aus der Dunkelheit auf mich zugesprungen und hätte mir fast die Wade zerfleischt, gerade als ich das Bike wieder starten wollte.

Ein paar Kilometer weiter erinnerte ich mich an unsere eigentliche Mission und schob die Tüten mit dem Kaktusfleisch unter meiner Jacke zurecht. Diese Frau meint es ernst – vielleicht hat es etwas zu sagen, dass sie außer mir die Einzige ist, die jetzt noch an der Kaktus-Nummer festhält. Aber es gab kein Zurück mehr und meine Stimmung wurde besser, als wir den Stadtrand erreichten und auf einer Anhöhe unter einem Eukalyptusbaum das Mopped parkten. »Warum machen wir das gleich nochmal …?« »Weil das hier Tradition ist«, sagte Olga, »schon seit zweitausend Jahren.« »Also gut«, murmelte ich skeptisch, »dann lass es dir schmecken.«
Das Zeug war widerlich. Eine Stunde lang stopfte ich mir den Schleim in den Rachen, wobei ich schon ahnte, dass ich nie wieder in Gegenwart von Kakteen einen Bissen runter bekommen und noch monatelang in grünen Räumen zu stottern anfangen würde. Mein Beutel war noch halbvoll, aber der Brechreiz wurde unerträglich und ich beschloss es vorerst bei dem halben Kilo zu belassen, das ich gegessen hatte. Olga hatte ihren ganzen Beutel verspeist, für einen Moment dachte ich, sie hätte auch den Beutel selbst gegessen. Aber das war nur der erste Vorgeschmack auf die Wirkung des Meskalin, das uns bald aus dem Hang zupfen würde, wie ein exorbitantes Bungeeseil. Ein Straßenhund kläffte in der Nähe. Olga hob die Machete wieder auf und schob sich die Lederschlaufe am Griff der Waffe über ihr Handgelenk.
»Dein Kumpel Che«, sagte ich zu Olga, während wir auf die Wirkung des Meskalin warteten und deutete auf ihr T-Shirt mit der Che-Silhouette drauf, »der war leider nicht der Mann, für den du ihn hältst.« Smalltalk war nicht mehr notwendig und in Anbetracht der blutigen Machete in Olgas Hand gab es auch keinen Grund, jetzt romantisch zu werden, auch wenn der Ausblick von hier oben sehr rührselig war. Also hatte ich beschlossen, über Che Guevara zu reden. Die Geschichte Ches hatte mir ein Kubaner erzählt, in einem T-Shirt-Laden in Miami, vor ein paar Jahren. »Warte, Stefan«, sagte er damals – ich hatte selber gerade ein Che-Shirt in der Hand. »Ich weiß was du mit dem Shirt sagen willst. Aber gib mir nur fünf Minuten Gehör – wenn du es dann immer noch haben willst, kaufe ich es dir.« »Okay«, ich behielt den Bügel in der Hand.
»Der Mythos geht so«, sagte er und guckte auf seine Uhr, »Ein Mann mit dem Namen Batista wird als Marionette der US-Mafiosis 1952 in Kuba an die Macht geputscht. Also Angst und Armut und Ausbeutung der Arbeiter mit einem widerlichen kapitalistischen Diktator an der Spitze. Sieben Jahre später wird Kuba befreit, von den Beschützern der Armen und Schwachen, von Che und Fidel Castro. Seitdem ist Kuba ein Fels in der Brandung des stinkenden Turbokapitalismus.« Ich nickte zufrieden.
Doch der Kubaner verzerrte sein Gesicht: »Leider ein riesiger Haufen marxistischer Lügenmärchen!« Der Kassierer schaute zu uns rüber. »In diesem Jahrhundert, bevor die Kommunisten Kuba übernommen haben«, fuhr er fort, »immigrierten dort mehr Leute, als in jedem anderen Land der westlichen Hemisphäre, nicht mal die USA war begehrter. Die Leute sind auf Flößen übers offene Meer geschwommen«, er zeigte zum Fenster, durch das der Strand zu sehen war, »von Jamaica und Haiti, um nach Kuba zu kommen. Wenn du heute einen haitianischen Bettler fragst, ob er nach Kuba will, lacht er dich aus. Ende der 50er boomte die Wirtschaft, Kubas pro-Kopf-Einkommen war höher als das von Japan. 12.000 Auswanderungsanträge lagen 1958 in Rom auf der kubanischen Botschaft rum.« Der Kubaner wurde verkrampfter.
»Fulgencio Batista wird ja noch heute als Marionette hingestellt. Marionette der fetten, weißen Kapitalisten, installiert durch die USA. Es gibt einen 40 Millionen Dollar teuren Film, in dem Batista blond und blauäugig ist!« Er hielt inne und wartete eine Reaktion ab, aber ich reagierte nicht.
»Stefan, Batista war ein schwarzer Sklavenenkel, ein Erntehelfer, er durfte in Havana nicht mal in den Yacht-Club – und das als Präsident des Landes! Der Geldadel hat ihn verabscheut. Und in dem Film sieht er aus wie ein Yankee!« Ich runzelte die Stirn. »Fidel Castro war der weiße Millionärssohn und Anwalt und mit seinem kommunistischen Wahnsinn hat er das höchstentwickelte lateinamerikanische Land in die Steinzeit zurückkatapultiert.«
Drei Minuten waren um und ich hatte das Che-Shirt immer noch in der Hand. »Welcher Slogan steht da?«, der Kubaner zeigte auf zwei Wörter und trat weg vom Shirt und näher an mich ran. Unter dem Che-Gesicht stand ›Gegen Unterdrückung‹. »Unterdrückung …«, er hob die Augenbrauen. »Der Mann hat ein Regime mitgegründet, das mehr Landsleute weggesperrt hat als Hitler oder Stalin. Statements wie ›Individualismus muss verschwinden!‹ oder ›Revolutionäre müssen kaltblütige, durch puren Hass angetriebene Killermaschinen werden‹ stammen von ihm, das habe ich allerdings noch auf keinem T-Shirt gelesen. Die besten kubanischen Künstler mussten damals vor ihm fliehen oder wurden eingelocht, er wollte Rock- und Jazz-Musik aus Kuba verbannen, die Presse wurde mit vorgehaltenen Maschinenpistole zu stalinistischen Propagandabüros umgewandelt. Gleich nach der Machtübernahme hat er erst mal ein paar hundert Leute hinrichten lassen, ohne Verfahren, ›rechtskräftige Beweise sind ein archaisches, spießiges Detail‹. Dann hat er sich ein Büro mit Fenster zum Exekutionsplatz geben lassen, damit er die Morde beobachten und auch mal selber einen abknallen konnte. Che Guevara war für Castro, was Himmler für Hitler war. Er war der Chef-Hinrichter, ein perverser Massenmörder.«
Der Kubaner war vor Erregung rot geworden, im Laden starrten ihn nun alle an. Aber er war noch nicht fertig. »›Der Neger ist faul und träge … während der Europäer intelligent und zukunftsorientiert ist‹ steht mitten in Ches Tagebuch, das von Linken und Schwarzen gefeiert wird wie eine Bibel. Jetzt stell dir Che vor, dieses menschliche Monstrum, am Rand eines Massengrabs stehend – ›wenn du nicht sicher bist, ob du ihnen trauen kannst, dann töte sie‹ – unten im Grab liegen Batistas schwarze Offiziere und die New York Times, die gesamte akademische Elite, halb Hollywood und ein Haufen schwarzer Bürgerrechtler jubeln ihm zu. Und das nur, weil sie eine antikapitalistische Ikone brauchen und das ist nun mal das beste, was sie zu bieten haben.«
Ich hängte wortlos das T-Shirt wieder an die Stange. »Danke«, sagte der Kubaner, atmete schwer aus und schüttelte sich. Dann schaute er auf seine Armbanduhr: »Vier Minuten fünfzig«.
So ungefähr gab ich das in Bolivien auch Olga wieder. Sie schaute mich noch ein paar Sekunden skeptisch an, bemerkte dann die Machete in ihrer Hand und warf sie hektisch von sich. Die Schlaufe des Griffs hing immer noch um ihr Handgelenk und an der blieb die Machete jetzt hängen. Durch den Schwung wirbelte die Klinge herum und schleuderte haarscharf an ihrem leicht nach vorn gebeugtem Oberkörper vorbei.
Wir starrten einen Augenblick lang erschrocken in unsere Gesichter. Dann beugte sich Olga auf, zog ihr Shirt hoch und wir musterten ihren Körper. Es war keine Wunde zu sehen. Sie ließ das Shirt wieder fallen und schaute immer noch nach unten. Der Stoff war zerschnitten. Wo vorher noch »Gegen Unterdrückung« stand, las man jetzt nur noch »Unterdrückung« unter Ches halb zerfetzter Silhouette.

Irre Motorradszenen

Aus meiner Tourenfahrer-Glosse, vom Set unseres Sci/Fi Die Letzte Droge

Wumm! Mit einem Schlag war es dunkel in der Halle. Tom, unser Tonmeister, fing sofort an zu lachen »Kluge, wo hast du mich hingebracht - an die Front?« Der Kameramann sagte gar nichts, aber ich konnte hören, wie er die Kamera wahrscheinlich unserem Beleuchter an den Kopf geknallt hatte, als er sie von der Schulter nahm. »Fuck! Das kotzt mich an!«, schrie der und dann strahlte etwas Tageslicht in die Halle. Rob, unser Produktionsleiter, hatte eines der Hallentore geöffnet und lief in Richtung des Stromgenerators davon. »10 Minuten Pause« hätte ich fast gerufen, aber dann fiel mir ein, dass ich selbst der einzige Darsteller in dieser Einstellung war und die Crew wusste sowieso was los war: der alte Zweitakt-Russengenerator, der unser Set unter Volllast mit mageren 5 KW versorgte, war wieder abgesoffen. Rob war wahrscheinlich schon damit beschäftigt die Kerze trockenzulegen.
Unser Set war eine alte, amerikanische Überlandtankstelle. Ein Cadillac Oldtimer parkte neben einer überdachten Zapfsäule vor einem Airstream und zwei Pfosten, auf die später ein riesiges Neonschild in die dunkle Wüstenlandschaft gerechnet werden würde. Also ein Roadstop in den 1970ern, nachts, irgendwo auf einem einsamen Highway in New Mexiko. In dieser Einstellung hatte ich nichts weiter zu tun, als mit einem alten Ratbike mit Vollgas an der Tankstelle loszufahren. Die Kamera lief bereits, aber dann fiel der Strom aus.

»Hey Kluge«, sagte unser Tonmann, »ich möchte nachher einen Start vom Kaliber Mad Max sehen!« Tom fuhr heute nur noch Bulli und Porsche, aber in den 80ern und 90ern war er mit einigen bemerkenswerten Bikes gefahren.
»Was meinst du?«, fragte ich, »Mad Max 1, The Goose auf seiner Kawasaki?«
»Ja, Du weisst schon: Reifenleiern und dann wie ein Bekloppter gen Horizont davon fahren.«
»Okay! Ja, das ist gut«, sagte ich. »Die Einstellung lassen wir mindestens 20 Sekunden stehen. Und dazu der satte Sound des Motors. Ach, übrigens: der Auspuff ist ab.«
Tom bückte sich, schaute unter die Suzuki und fing dann an zu lachen.
»Im Fernseher klingt das doch übel - ohne Auspuff, oder?«, wunderte ich mich, »Und einen Akrapovic-Sound kannst du da nicht drunterlegen, man sieht ja, das der Auspuff ab ist.«
»Den Auspuff wird man nicht sehen«, sagte unser Kameramann, »Es ist zu dunkel.«
»Allerdings!«, rief unser Beleuchter vom Airstream rüber, wo er begonnen hatte die alten Requisiten-Muffins zu essen.
»Das ist doch gut so!«, sagte ich, »dann knallen wir da einen Akrapovic-Sound drunter.«
»Akrapovic gab es damals noch nicht« rief unser Beleuchter, der sich ein bisschen im Motorsport auskannte.
»Nein, gib mir den Sound ohne Auspuff. Ich mach das schon!«, sagte Tom. Er war Analogsynthesizer-Experte und hatte ein paar seltene Geräte aus den 70ern und 80ern in seinem Studio stehen. Wir konnten bedenkenlos mit einem erstklassigen, einzigartigen Soundtrack rechnen, also hakten wir das Thema erst mal ab.
»Mad Max«, sagte ich, »hat ein paar der besten Motorrad-Passagen, die je gemacht wurden. Die Szene, die du meinst, Tom: das sind zwei, drei Minuten Film, nur um zu zeigen, dass jemand auf eine Kz1000 steigt, losfährt und eine Landstraße langdonnert. Der Zuschauer wurde einfach mal auf eine Fahrt auf dem schnellsten Serienmotorrad seiner Zeit mitgenommen. Das reichte damals fürs Kino, das war lebensgefährlich. 210 auf der Landstraße, 1979: eine kleine Bodenwelle und du donnerst ins Weizenfeld.«
»Eine sehr gute Motorrad-Szene gibt es in Matrix«, sagte unser Kameramann.
»Oh ja, mit der Ducati 996«, sagte ich. »Großartig! Auf der vollen Interstate. Das musst du dir vorstellen wie auf der A81, Höhe Stuttgart, zum Feierabend«, sagte ich zu Tom.
»Folgende Szene«, fuhr unser Kameramann fort, »und achtet auf die Dramaturgie: es geht los mit schnellem Überholen zwischen den Spuren, dann eine Wende auf dem Randstreifen und als Geisterfahrer vom äußeren Randstreifen aus über alle drei Spuren, auf den inneren Randstreifen rüber wechseln, dann zurück auf die Straße und dauerhaft zwischen den ausweichenden Autos herumfahren. Und immer gibt es einen glaubwürdigen Grund dafür, dass die Fahrerin diesen Wahnsinn machen muss!«
»Herrlich!«, sagte ich. »Und die Message ist auch korrekt: Wer aus der Matrix ausbrechen will, der muss auch schon mal außerhalb der Spuren fahren können. Und gegen den Strom schwimmen.
Das Licht am Set ging wieder an - der Generator lief.
»Terminator 2«, sagte unser Beleuchter und kam wieder zu uns an die Zapfsäule. »Schwarzenegger auf der Fat Boy. Jede andere Karre wäre fehl am Platz gewesen.«
»Und er springt mit dem Ding eine drei Meter hohe Wand runter«, unterbrach ich ihn. »Ja, aber dabei hing sie für den Stunt an Drahtseilen, sonst wär die am Boden zerschellt«, fuhr er fort.
Toms Recording-System war nun gebootet und er begann das Mikro einzurichten. »Ich find Easy Rider immer noch sehr gut«, sagte er, »die Romantik des Motorradreisens, vor allem wenn man mit Kumpels unterwegs ist, das kommt selten so gut rüber wie dort. Bei Easy Rider siehst du den Spaß, den die Crew beim Dreh hatte. Diese Hochstimmung kommt in den Bildern 1:1 rüber.«
»Easy Rider ist klasse«, fügte ich hinzu, »ein super Low Budget Film, extrem authentisch - im Grunde ist das ein besserer Urlaubsfilm, vielleicht auch der beste Urlaubsfilm aller Zeiten.«
»Ich bin soweit!«, sagte unser Kameramann. »Ton auch«, rief Tom. »Okay, los!«, rief ich, startete die Suzuki, zog die Vorderbremse, drehte das Gas auf, stemmte die Beine in den Boden, ließ die Kupplung kommen und dann langsam auch die Bremse. Ein Höllenlärm erfüllte die Halle und ich raste wie ein Irrer, mit beiden Beinen am Boden, über den sandigen Beton, auf die gegenüberliegende Wand zu.